Aus Fachschaftsrat der Medizinischen Fakultät der OvGU
Springer glänzt in seiner Vorklinik-Reihe mit einem neuen Anatomie-Kompendium. Der "Witt" beweist das nahezu unmögliche: Die Anatomie prüfungs- und physikumsgerecht zu wiederholen kann auch Spaß machen! Wie das geht, beweist er in 12 Kapiteln, die streng am Gegenstandskatalog des IMPP orientiert sind und damit das gezielte Auffrischen des Stoffes ermöglichen.
Doch wie schafft man es, ein so geduldsforderndes Kernfach kurzweilig zu präsentieren? Schon beim Lesen des ersten Kapitels "Allgemeine Embryologie" wird dies deutlich: Herr Witt schreibt nicht so geschwollen und stocksteif wie ein graubärtiger Alt-Anatom, der sein Staatsexamen im Dritten Reich abgelegt hat, sondern locker und frisch, ohne dabei vom wichtigen Lernstoff abzulenken. Die Texte sind geschickt gespickt mit Alltagsmetaphern und amüsanten Anekdoten, die zum Weiterlesen einladen und dafür sorgen, dass das Gelesene auch lange genug im Hirn bleibt. Da diese Art der Methodik die herausragendste Eigenschaft des Witts ist, seien hier einige Beispiele derselben präsentiert:
Allgemeine Embryologie: "Zunächst heftet sich die freie Blastozyste an die Uterusschleimhaut an, dann vergräbt sie sich im Interstitium. [...] Bindegewebszellen [...] wandeln sich in Dezidualzellen um und beginnen den Eindringling zu umzingeln." Obere Extremität: "Im Karpaltunnel ist es eng und dunkel." Brust- und Bauchsitus: "Klinik: Beim Hämorrhoidalleiden können sich die Plexus haemorrhoidales erweitern, aus dem Anus hervortreten und bluten, besonders bei langanhaltender sitzender Tätigkeit (Selektionsnachteil für Beamte)."
Noch mehr Pluspunkte möchte ich dem Witt verbuchen: Wer kennt sie nicht, die seitenlangen Muskelursprungs- und -ansatztabellen in Lehrbüchern, wo jede mögliche Insertionsstelle, und sei sie noch so selten, klein und unbedeutend, aufgelistet ist? Auswendigpauken lässt sich zwar in der Anatomie manchmal nicht umgehen, jedoch beschränken sich die genannten Tabellen im Witt vernünftigerweise aufs Wesentliche. Ebenso ist die Gliederung der Kapitel sehr übersichtlich gestaltet und mit Hervorhebungen von Klinikbezügen und letalen Prüfungsfakten gewürzt.
Schlechte Seiten am Witt habe ich nicht gefunden. Wäre ich ganz pingelig, würde ich an der Abbildung der Bauchgefäße fünf kleine Grammatikfehler in der lateinischen Beschriftung bemängeln. Da der Rest des Buchs aber sprachlich (im Deutschen und Lateinischen) perfekt ist, schiebe ich diesen Fehler einfach auf einen verkaterten Verlagsmitarbeiter. In der nächsten Auflage des Buches wird dies sicherlich korrigiert sein.
Alles in Allem: Der Witt ist meine uneingeschränkte Empfehlung für jeden, der seine Anatomiekenntnisse aufzufrischen beabsichtigt. Ich bin begeistert!
Martin Witt, Jesko Triewe (Hrsg.), Daniel Tümmers (Hrsg.): Anatomie
Springer-Verlag
363 Seiten, 16,95 EUR
