Aus Fachschaftsrat der Medizinischen Fakultät der OvGU
Das Praktikum der Physik ist in den Augen des Durchschnitts-Medizinstudenten wohl das sinnfreieste Pflichtfach des ersten Studienjahres - wahrscheinlich aus dem Grund, dass es ihm wenig verständlich ist, wozu er das ihm abverlangte Wissen als späterer staatsgeprüfter Medizinmann nur gebrauchen sollte. Diese Tatsache ist eine enorme Herausforderung für Verlage und Autoren, denn es gilt, einem eher an belebter Materie interessierten Studenten wichtige Grundlagen der Wissenschaft über die unbelebte Welt zu vermitteln. Und das auch noch möglichst kompakt, interessant, leicht einprägsam, verständlich, prüfungsrelevant und praktikumsbezogen. Ein oft empfohlenes derartiges Lehrwerk ist der "Harten". Der Springer-Verlag hat mich sehr neugierig gemacht, indem er seit November die 11., völlig überarbeitete Auflage dieses Lehrbuches anbietet. Ob er den genannten Ansprüchen gerecht wird, habe ich versucht herauszufinden.
Ein erster Blick in das Inhaltsverzeichnis verrät etwas über die Strukturierung des "Harten": Der gesamte Physikstoff ist in neun Kapitel eingeteilt; mit Mechanik beginnend, über Wärme- und Elektrizitätslehre und Optik bis zur Atom- und Kernphysik ist das Büchlein übersichtlich den physikalischen Themenkomplexen entsprechend strukturiert. Positiv fällt auf, dass gleich im ersten Kapitel wichtige physikalische und mathematische Grundlagen, z.B. Vektorrechnung und Statistik, kurz erläutert sind.Die Lehrtexte sind am Anfang eines jeden Themas stets sehr anschaulich geschrieben und machen Lust auf mehr. Schade, dass trotz der vielen grafisch aufgepäppelten Schemazeichnungen noch sehr viel altbackener Schulbuchcharakter darin steckt. Schemazeichnungen von Mehlsackträgern und kleine Schwarzweißfotos, die wahrscheinlich kaum jünger sind als der Autor selbst, sind leider nicht so sehr am Puls der Zeit. Doch derartige Äußerlichkeiten sollen ja nicht über die Innereien hinwegtäuschen!
Der ahnungslose Leser wird jedoch wenige Zeilen nach der lockeren Einleitung von Formeln und deren scheinbar undurchschaubaren Herleitungen schier erschlagen. Der Autor bettet diese zwar sehr übersichtlich in den Text ein, versäumt jedoch regelmäßig, Zusammenhänge zwischen den physikalischen Einheiten kurz zu erläutern. So wäre es doch am Beispiel der Formel für die Gravitationskraft viel einprägsamer zu erläutern, warum der Abstand der beiden Körper unter dem Bruchstrich und im Quadrat steht und welche Auswirkungen dementsprechend eine Änderung des Abstandes haben würde. Leider erscheinen mir die Formeln deshalb lediglich zum Auswendiglernen vorgesetzt, nicht aber zum Verstehen. Da helfen auch die kurzen mathematischen Erklärungen zum Zustandekommen der physikalischen Formeln nicht viel, da dies den normalen Mediziner nur noch mehr verwirrt. Lediglich die in kleinen "Merke"-Kästchen hervorgehobenen Sachverhalte sind noch hilfreich bei der Orientierung. Es liegt auf der Hand, dass der "Harten" eher für den unermüdlichen Auswendiglerner bestimmt ist - die Lerntabellen am Ende eines jeden Kapitels machen die Paukerei sogar noch ein wenig einfacher.
Wie sieht es nun mit dem Praktikums- und Prüfungsbezug aus? Auf dem Buchdeckel lockt der Schriftzug "Neue Approbationsordnung" und im Inhaltsverzeichnis sind IMPP-relevante Themen mit einem roten Ausrufezeichen markiert. Damit hat es sich allerdings erledigt. Im Text selbst ist von Examensrelevanz keine Rede. Zwar ist wichtiges Grundlagenwissen in gut verständliche Merksätze verpackt, aber dem physikalisch eher unschlauen Studenten fehlt leider eine klarere Aufteilung des Stoffes in "wichtig" und "weniger wichtig".
Nein, es gibt nicht nur schlechte Sachen am "Harten". Bemerkenswert sind die kurzen klinischen Exkurse, z.B. zum EKG, zur Muskelarbeit oder zur Blutströmung. In jedem Themengebiet gibt es auch "Praktikums-Kästen", die in Zusammenarbeit mit einigen deutschen Unis entstanden sind. In den Kästen wird erläutert, was in den Physik-Praktika üblicherweise gemacht wird; die passenden Formeln stehen sogar gleich mit dabei und ersparen im Idealfall lästiges Nachblättern im Buch.
Einen weiteren Pluspunkt bekommt die Internetpräsenz des "Harten" von mir. Fast alle Inhalte des Buches sind auf www.lehrbuch-medizin.de/physik in komprimierter Form zu finden. Zusätzlich gibt es dort stapelweise MC-Fragen und ebenfalls sinnvolle Lerntipps für anstehende Praktika. Die klinischen Bezüge gibt es "leider" nur in Papierform.
Fazit: Als reines Lehrbuch der Physik ist der "Harten" für den Medizinstudenten nicht mehr geeignet als ein Grundkurs-Lehrbuch aus der Oberstufe. Minus: starke Ausrichtung aufs Auswendiglernen und kaum Förderung des naturwissenschaftlichen Verständnisses. Wer sich vor Physik fürchtet und keine Lust auf stures Auswendiglernen hat, sollte lieber die Finger von dem Buch lassen. Plus: Die Einstiege in die Kapitel laden zum Weiterlesen ein und die klinischen Bezüge und Praktikumshinweise werten den "Harten" deutlich auf!
"Physik für Mediziner"
von Ulrich C. Harten
Springer-Verlag, 367 Seiten
11. Auflage, Preis: 29,95 EUR
