Aus Fachschaftsrat der Medizinischen Fakultät der OvGU
Von Christian Kluge
Die Rezension dieses Buches habe ich lange vor mir hergeschoben. So lange, dass der Chefredakteur eines weit geschätzten Medizinstudentenmagazins mich mehrfach eindringlich ermahnen musste und das schlechte Gewissen mich nun dazu zwingt, mitten in der Nacht zur Tat zu schreiten. Über eine etwaige habituelle Antriebsarmut hinausgehende Gründe für den Aufschub gibt es durchaus: Zunächst wollte ich dem Buch mehrfach nach all den Ernüchterungen, die es mir bisher bereitet hatte, noch eine Chance geben. Ich war guten Willens! Vielleicht hatte ich ja bis dato einfach immer nur schlechte Kapitel erwischt. Allerdings griff ich später immer weniger zum Kaufmann et al., weil eben bisher recht wenig dabei herumgekommen war. Man sieht sofort: Circulus vitiosus!
Das grobe Gliederung und sicher auch die Zielsetzung des Buches sind eigentlich gar nicht schlecht: Ein Radiologe, ein Nuklearmediziner und ein Strahlentherapeut trennen die Inhalte ihrer Fächer nach Grundlagen, Techniken und Methoden einerseits und nach klinischen Anwendungen andererseits. Der erste Teil ist recht solide und auch gut lesbar. Nichtsdestotrotz wird hier bei weitem zuviel Ballast mitgeschleppt: Der Grundlagenteil umfasst mit fast 400 Seiten (!) mehr als die Hälfte des Buches. Jeder Medizinstudent hat die Physik, Biologie und Pathologie durchlaufen, wenn er beginnt, sich mit Radiologie zu beschäftigen und profitiert daher sicher von einer kurzen und prägnanten Wiederholung mehr als von den hier geschaffenen Lehrbüchern-im-Lehrbuch.
Im Gegenzug wird dann bei den klinischen Inhalten ärgerlicherweise nicht nur an Substanz gespart, sondern auch noch erhebliche Redundanz geschaffen. So heißt es zum Beispiel im Kapitel Neuroradiologie zu den radiologischen Aspekten der Demenzen: „Mit der zentralen Bildgebung sollen primär größere hirnorganische Veränderungen wie Tumoren ausgeschlossen werden.“ Etwa eineinhalb Absätze später dann: „...sollte mit einer einmaligen MRT-Untersuchung aber eine behandelbare hirnorganische Ursache ausgeschlossen werden.“ Sechzehn Zeilen weiter unten dann wird man wieder erinnert: „Die kranielle MRT schließt einen Hirntumor (...) aus.“ Zwölf Zeilen weiter: „Die kranielle MRT-Untersuchung sollte andere hirnorganische Befunde ausschließen.“ Nochmals sieben (!) Zeilen weiter: „...sollte aber zumindest eine (...) MRT des Hirns durchgeführt werden, um (...) z.B. einen frontalen Hirntumor auszuschließen.“ Was zwei Absätze darunter in dem gelb hinterlegten Kasten mit dem fetten Ausrufezeichen am Rand steht, wird sich der Leser wohl schon denken können. Was soll das? Welchen Sinn hat es, den Abschnitt in Praxisfall, Fragstellung, Radiologische Diagnostik, Radiologischen Befund, Klinik, etc. zu unterteilen, wenn dann überall das gleiche steht? Die Fallbeispiele sind schwach, denn es fehlen Hintergrundinformationen, so dass die Patienten abstrakt bleiben und sich ein echter Bezug zum jeweiligen Fachgebiet nicht einstellen will. Genuin radiologische Inhalte sind oft zu knapp: Eine einzige CT-Abbildung zur Hirnparenchymblutung, verbunden mit einer Viertelseite Text. Das ist lächerlich für ein „dickes“ Radiologiebuch. Was ist mit Ventrikeleinbruch und Liquorzirkulationsstörungen; was ist mit atypischen Lokalisationen? Nicht mal ein Wort! Wäre es hier nicht vielleicht gut gewesen, elongierte Gefäße bei Hypertonus im selben Patienten zu zeigen? So blieben Zusammenhänge haften, nicht durch ständiges Wiederholen von Trivialitäten.
Hinzu kommt das verwirrende Layout: Alle Seiten sind vierfarbig, so dass beispielsweise der Unterpunkt Klinik immer einen roten Rahmen bekommt, der Abschnitt Radiologische Diagnostik dagegen einen grünen; der Praxisfall wiederum einen lila-blau-weißen Balken, usw., usf.. Die Überschriften der einzelnen Krankheitsbilder gehen in diesem inflationären Farben- und Formengewirr regelrecht unter. Welchen Nutzen hat man davon, alle Abschnitte zur Radiologischen Diagnostik - egal welchen Inhalts - mit einem Blick durch die gemeinsame Farbe verbinden zu können? Schon in der aktuellen Auflage von Böcker/Denk/Heitz’ Pathologielehrbuch aus demselben Hause war diese Krankheit zu beobachten. Dabei gibt es doch so schöne und übersichtliche zweifarbige Alternativen - auch von U&S (z.B. Wallesch: Neurologie, 2005).
Insgesamt ist, wie oft in Lehrbüchern mit vielen Autoren, die Qualität recht heterogen: Das Kapitel Bewegungsapparat und Weichteile etwa, ist besser. Nichtsdestotrotz leiden auch die inhaltlich gelungenen Teile des Buches an den Schwächen des Gesamtkonzepts. Zuviel Effekt und dadurch paradoxerweise zu wenig Übersichtlichkeit; viel zu magerer Inhalt. Vielleicht mag der Eine oder Andere mehr mit diesem Lehrbuch anzufangen wissen. Der Preis ist mit € 49,95 für ein durchgehend farbiges Buch mit fast 800 Seiten im Grunde recht günstig. Ich jedoch hatte mir weit mehr versprochen und bin froh, dass ich es nicht bezahlt habe.
G.W. Kaufmann, E. Moser und R. Sauer: Radiologie
Urban & Fischer, 2006
3. Auflage, 772 Seiten
49,95 EUR
