Aus Fachschaftsrat der Medizinischen Fakultät der OvGU
Von Jan Teuber
Aus dem vorklinischen Studium der Anatomie dürfte jedem die große Bedeutung guter Atlanten bekannt sein, die einem nicht nur die Orientierung während der Präparation erleichtert haben sondern auch dabei halfen, sich die in den Lehrbüchern dargestellten Zusammenhänge besser vorstellen zu können und sie zu verstehen. Daher nimmt es kaum wunder, daß ein guter Atlas auch während des klinischen Abschnitts des Medizinstudiums eine große Hilfe sein kann, insbesondere, wenn er neben den rein anatomischen Zeichnungen auch noch solche der pathologischen Abweichungen enthält und Charakteristika Erkrankter aufzuzeigen vermag.
Genau dies ist John T. Hansen und David R. Lambert mit „Netters Klinische Anatomie“ auf über 650 Seiten gut gelungen. Unter Verwendung der Zeichnungen Frank. H. Netters sowie einiger anderer Zeichner arbeiten sie eine Vielzahl typischer Erkrankungen des Rückens, der Extremitäten, des Thorax, Abdomens und Beckens sowie des Kopfes auf. Neben einem rekapitulierenden Abschnitt zur allgemeinen Anatomie findet sich zu Beginn eines jeden Kapitels ein anatomischer Überblick der jeweiligen Körperregion, dessen Abbildungen vielfach bereits aus dem „Atlas der Anatomie des Menschen“ von Netter, der auch im Thieme-Verlag erscheint, bekannt sind. Ergänzt werden diese Zeichnungen durch kurze Texte, die grundlegende anatomische und physiologische Zusammenhänge aufarbeiten, sowie Übersichtstabellen zu den wichtigsten Knochen, Gelenken und Muskeln. Diesem Überblick folgt die genauere Betrachtung der Anteile einer Körperregion, z. B. Thoraxwand, Lunge, Herz und Mediastinum beim Thorax als Region, bei der die klinischen Zusammenhänge stets in Verbindung mit der nicht-pathologischen anatomischen Ausprägung vorgestellt werden. Dabei finden auch Überlegungen zu Störungen der embryologischen Entwicklung Berücksichtigung. Die einzelnen Kapitel schließen mit einer Sammlung von Wiederholungsfragen zu den prominenten Erkrankungen bzw. Verletzungen der jeweiligen Körperregion.
Auch wenn sowohl die Texte als auch die Tabellen keineswegs ausreichend sind, um den Normalzustand bzw. die Krankheitsbilder gänzlich zu verstehen, so sind sie doch in Ergänzung zu den jeweiligen Fachbüchern hervorragend geeignet, um anhand der Abbildungen schnell ein Vorstellung der möglichen pathologischen Charakteristika zu erhalten. Hilfreich ist darüber hinaus, daß an vielen Stellen auch therapeutische Maßnahmen wie Verbände und Punktionen sowie das stereotype Erscheinungsbild der an einer bestimmten Krankheit leidenden Patienten illustriert sind. Zur Ergänzung werden, soweit es sich anbietet, histologische Bilder sowie Aufnahmen bildgebender Verfahren (Röntgen, CT, MRT) angeführt, die zum Teil aber leider etwas klein ausfallen, so daß die Pathognomie nicht in jedem Fall optimal erkennbar ist.
Abgesehen von diesem geringfügigen Manko ist dieses Buch aber rundum empfehlenswert, da es eine Vielzahl klinisch wichtiger Aspekte aller Fachrichtungen übersichtlich und durch den Fokus auf die bildliche Darstellung auch schnell erfaßbar präsentiert. Daß bei einem solchen Umfang manche Einzelbetrachtung etwas knapp bleibt, ist vollkommen verständlich. Für die Vertiefung gibt es aber zahlreiche weitere Atlanten mit Zeichnungen Netters, z. B. zur Neurologie und Dermatologie. Durch diese fachspezifischen Atlanten wird „Netters Klinische Anatomie“ aber keineswegs überflüssig sondern eher noch wertvoller, da dieses Buch bewußt versucht, den weiten Bogen über alle Bereiche zu spannen. Somit wird, wer den Netterschen Stil schätzt, in diesem Buch eine wertvolle Hilfe für die klinische Tätigkeit finden.
John T. Hansen und David R. Lambert: Netters Klinische Anatomie
Thieme Stuttgart, 2. Auflage 2006
79,95 EUR